Berliner Bildungsprogramm

Das Berliner Bildungsprogramm ist die Grundlage unserer täglichen Arbeit in den Kitas

Es benennt folgende Bildungsbereiche:

         •        Körper, Bewegung und Gesundheit

         •        Soziales und kulturelles Leben

         •        Kommunikation: Sprachen, Schriftkultur und Medien

         •        Bildnerisches Gestalten

         •        Musik

         •        Mathematische Grunderfahrungen 

         •        Naturwissenschaftliche und technische Grunderfahrungen

Die verschiedenen Bereiche greifen fast immer ineinander und bei pädagogischen Aktivitäten kommen in den meisten Fällen gleichzeitig verschiedene Erziehungsziele zum Tragen.

Auch die Kinder selbst entwickeln sich selbstverständlich ständig in allen Bereichen weiter, wobei phasenweise ein Bereich im Vordergrund stehen kann, dem wir dann besonderes Augenmerk schenken. Es entspricht unserer Erfahrung, dass alles, was im Kita-Alltag stattfindet, letztlich eine gleichzeitige Förderung der unterschiedlichen Bereiche und Kompetenzen der Kinder ist.

Exemplarisch für alle sieben Bildungsbereiche möchten wir Ihnen eine vertiefende Vorstellung von unserer Pädagogik anhand der vier Bereiche 1. Körper, Bewegung, Gesundheit, 2. Soziale und kulturelle Umwelt,    3. Kommunikation und  4.  Mathematische Grunderfahrungen vermitteln.

1. Körper, Bewegung, Gesundheit

Takumi saust mit dem wehenden Drachen übers Gelände und zieht eine Schar von begeisterten Drachenläufern hinter sich her. Besonders das Bewegungsbedürfnis der Kinder bringt  Dynamik in den Kita-Alltag. Der 4-jährige Takumi tobt sich gerade ordentlich aus und setzt seine ganze Laufkraft ein, um einerseits den Drachen am Fliegen zu halten und andererseits den Drachen behalten zu können, denn er weiß, wenn dieser zu Boden geht, muss er ihn an einen der Mitläufer abtreten.  Er spürt die Anstrengung des Laufens, er fühlt den Wind in seinem Gesicht und in seinen Haaren, er konzentriert sich auf die Strecke vor sich um nicht zu stolpern  und um freie Bahn zum Laufen zu haben, er fühlt die anderen Drachenjäger in seinem Rücken. Schließlich geht der Drachen doch zu Boden, Takumi ist ganz warm geworden und er keucht vor Anstrengung und Aufregung. Aber er freut sich über seinen Erfolg, den Drachen so lange gehalten zu haben, auch wenn er natürlich etwas traurig ist, dass er ihn jetzt abgeben muss.

Takumi ist ein Junge, bei dem Bewegungsfreude und das Bedürfnis nach Ruhe in einem  ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen. Er ist eher ruhig, beobachtet viel und kann konzentriert spielen.  Aber er hat auch Spaß am Laufen, er bewegt sich gern – Ballspiele ziehen ihn jedoch nicht so an. Die Fußballjungens kämpfen ohne ihn.

An diesem Beispiel kann man die ganze Bandbreite der Körper- und Sinneswahrnehmungen  und die emotionalen Erfahrungen erkennen, die Kinder machen, wenn sie sich bewegen.  Sie lernen ihre körperlichen Möglichkeiten kennen und bauen sie aus, -  sie lernen, was Ihnen Spaß macht und wo sie gut sind, -  sie lernen Regeln und auch Wettbewerb kennen,  - sie lernen die eigenen Interessen bei den Verhandlungen  mit den anderen Kindern zu vertreten oder durchzusetzen. Sie üben Körperbeherrschung, sie lernen, wie in diesem Fall, den Flug des Drachens zu beherrschen, sie merken, dass sie bei häufigem Üben besser werden.  Im Morgenkreis können die Kinder über ihre Erlebnisse mit Drachen berichten, über die Orte, wo sie sie haben fliegen lassen, mit wem und wann. So können sie an diesem Beispiel lernen, was die idealen Bedingungen für das Fliegen von Drachen sind: starker Wind im Herbst auf freien Flächen, wie auf abgeernteten Feldern, sie können lernen, wie man einen Drachen bauen kann. Deutlich erkennbar wird an diesem Beispiel, dass häufig mehrere Bildungsbereiche miteinander verwoben sind – so betrifft diese Situation gleichzeitig die Bereiche Kommunikation, soziales Leben und auch den Bereich der naturwissenschaftlichen und technischen Grunderfahrungen.

Körper, Bewegung und Gesundheit werden von den Kindern individuell  erfahren und erlebt und es ist wichtig, dass diese kindliche Erfahrung kompetent von den ErzieherInnen begleitet wird. Ich-Kompetenz, soziale und Sachkompetenzen sowie auch lernmethodische Kompetenzen werden so ständig im Kita-Alltag in den verschiedensten Situationen erworben und ausgebaut.

2. Soziales und kulturelles Leben

Ben ist neu in der Kita. Er ist drei Jahre alt und hat eine dunkle Hautfarbe. Als sich die Kinder zum Ausflug aufstellen und zu zweit anfassen sollen, guckt der fünfjährige Jakob Ben prüfend an. In seinem Blick entdeckt die ErzieherIn ein kleines Unbehagen und vermutet bei Jakob einen Hauch von Berührungsangst. Im nächsten Morgenkreis nimmt die Erzieherin das Thema „Unterschiedlichkeit“ auf und thematisiert unter anderem die unterschiedlichen Hautfarben der Kinder. Sie reden darüber, wie die Farbe in die Haut kommt.

Sie vergleichen die Farben ihrer eigenen Haut, die Augen- und Haarfarben mit denen der anderen und stellen fest, wie unterschiedlich diese sein können. Sie spielen ein Spiel, in dem alle im Kreis stehen und die Erzieherin sagt, alle Kinder mit blauen Augen gehen in die Mitte. Die anderen Kinder, die außen stehen, klatschen. Danach sagt sie, alle Kinder, die eine rote Hose anhaben, gehen in die Mitte, die anderen klatschen. Alle Kinder, die einen älteren Bruder haben, gehen in die Mitte, usw. So machen alle die Erfahrung, dass jeder mal in der Mitte ist und in seiner Einzigartigkeit etwas ganz Tolles ist.

Krippen und Kindergärten repräsentieren die Vielfalt unserer Gesellschaft. Die Kinder können aus verschiedensten Familienkulturen kommen mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen und Rahmenbedingungen. Es ist wichtig, dass die Kinder Unterschiede akzeptieren lernen, und die Voraussetzung dafür ist die Entwicklung eines gesunden Selbstvertrauens, -  der Kompetenz, sich seiner Gefühle und Bedürfnisse bewusst zu werden, diese zum Ausdruck bringen zu können, der Wahrnehmung der eigenen familiären und kulturellen Identität. Je früher die Kinder lernen, dass  es nicht schlecht ist, wenn etwas anders ist als bei ihnen, sondern einfach anders und dabei ebenso gut, desto aufgeschlossener sind sie für Anderes und Unbekanntes. Denn dass es Unterschiede gibt, erkennen schon sehr junge Kinder. Unsere Aufgabe sehen wir darin, dieses zu benennen und uns im Gespräch mit den Kindern darüber auszutauschen.

Sie lernen auch, dass es im Alltag der Kita möglicherweise andere Regeln und Normen gibt, als bei ihnen in der Familie und entwickeln ein Verständnis dafür, warum das so ist.

So entsteht ein differenziertes Wahrnehmungsvermögen für soziale Verhältnisse, persönliche Beziehungen und ein Verständnis für die Sinnhaftigkeit der Regeln für einen achtungsvollen und friedlichen Umgang miteinander. Die Kinder lernen, ihrem Gegenüber in seinem Anders-Sein Respekt und Achtung entgegen zu bringen und entwickeln Reflexionsvermögen und Sensibilität sowohl für  ihr eigenes Verhalten als auch für das der anderen.

 

 

3. Kommunikation:  Sprachen, Schriftkultur und Medien

Lasse hat zu Mittag geschlafen. Jetzt kommt der zweijährige in den Raum, in dem die anderen Kinder spielen, die nicht geschlafen haben oder schon aufgewacht sind. Ein Strahlen ist auf seinem Gesicht – Lasse ist da! Was für ein gutes Gefühl: Ich bin da, ich bin im Moment der Wichtigste und Beste und ich gehöre hier hin. Aus jeder Pore spricht Vertrauen ins Leben und in seine Umwelt. Lasses wortlose Kommunikation drückt seinen Einklang mit der Welt und seine kraftvolle Unternehmungslust aus.  

An diesem Beispiel erkennt man, dass Kommunikation weit mehr beinhaltet als nur die Sprache. Auch die Kleinsten kommunizieren sehr intensiv mit uns, selbst wenn sie noch nicht sprechen können. Wir erkennen ihre nonverbalen Signale und gehen auf sie ein. Die vertrauensvolle Beziehung zwischen Kind und ErzieherIn ist hier ein Schlüssel für die Sprachförderung. So ist z.B. die Wickelsituation eine wundervolle Möglichkeit um mit den Kindern zu sprechen und während des Wickelns zu beschreiben, was wir gerade mit ihnen machen.

Wir fördern die Sprachentwicklung in Deutsch und Englisch durch das Erzählen und Erfinden von Geschichten, durch Vorlesen und Nacherzählen, Rätsel, Reime, gemeinsames Singen, Reigen und Tanz oder Rhythmusspiele, aktives Zuhören, gemeinsame Planung, Durchführung und Gestaltung von Projekten oder Spielsituationen. Wir schaffen im Alltag immer wieder Sprechanlässe, um die Kinder zum Sprechen zu motivieren. Es ist uns sehr wichtig, dass sich die Kinder frei äußern können. Dabei spielt der Umgangston eine große Rolle.

Die Aneignung der kommunikativen Fähigkeiten und deren Förderung verläuft hier wie in den anderen Bereichen auch für die Kinder spielerisch und unbewusst. "Fehler" der Kinder werden von uns nicht direkt verbessert, sondern das Gehörte wird sprachlich korrekt wiederholt.

Die älteren Kinder lernen in der Gruppe von gleichberechtigten Kindern, wie sie einen Streit mit Hilfe von Worten oder Gebärden lösen können, ohne zu schreien oder zu hauen.

Insbesondere bei Kindern, die sich verbal noch nicht richtig ausdrücken können, ist die Körpersprache von großer Bedeutung. Um den Kindern respekt- und - im wahrsten Sinne des Wortes - verständnisvoll begegnen zu können ist es wichtig, ihre Signale richtig zu deuten und das jeweilige Anliegen zu erkennen.

Die Kinder sehen, wie wir lesen, schreiben und vorlesen. Durch die kindliche Neugier fangen sie irgendwann an, sich auch für das geschriebene Wort zu interessieren. Hier werden Sie dann bei Interesse u.a. auch durch die Materialien von Maria Montessori angeregt, die Schriftsprache zu „begreifen“.

Wir ErzieherInnen nehmen uns Zeit, dem Kind zuzuhören, zeigen durch Nachfragen unser Interesse an dem Gehörten und motivieren sie, sich weiter sprachlich zu äußern. Im Morgenkreis haben die Kinder die Möglichkeit ihrer Gruppe zu erzählen, was sie bewegt, ärgert, oder was sie am Wochenende erlebt haben. Dies ist eine wichtige Vorbereitung auf die Schule.

Jedes Kind darf sich bei uns äußern, muss es aber nicht. Wir laden es immer wieder ein, mit uns und den anderen Kindern durch Sprache, Mimik und Gestik in Kontakt zu treten.

Ein gutes Beispiel für den unbewussten Spracherwerb ist das Rollenspiel. Die Kinder ahmen während des Spiels verschiedene Personen nach, indem sie deren Handlungen, Bewegungen und Äußerungen nachspielen. Dadurch üben sie, sich auszudrücken, aber auch, ihr Gegenüber zu verstehen. Das kindliche Rollenspiel lässt sich als ein komplexes Sprachspiel beschreiben und indem Kinder sich im Spiel- wie im Sprachverhalten an den gespielten Personen orientieren, inszenieren sie nicht nur ein befriedigendes Spiel, sondern verbessern auch ständig ihre Sprachbeherrschung. Wir fördern die Rollenspiele, indem wir Verkleidungsecken und Funktionsecken mit Kostümen, Einkaufsladen u.v.m. zum Spiel vorbereiten und den Kindern den Raum für ihre ungestörten Rollenspiele lassen. Hier werden sowohl die von ihnen erlebten Alltagssituationen als auch Fernsehsendungen nachgespielt.

4. Mathematische Grunderfahrungen

Valentino hat Geburtstag. Er wird heute drei Jahre alt. Die Kinder sitzen im Morgenkreis und schauen Fotos von Valentino als Baby an, Fotos von seinem ersten Geburtstag, als er noch ganz klein ist, und auch von seinem zweiten Geburtstag, an dem er auch noch viel kleiner ist als heute. Da kann man genau sehen, wie Valentino mit jedem Jahr gewachsen ist und nun ein so großer Junge geworden ist. Die Kinder überlegen, wie alt sie selber sind – zwei oder drei oder schon vier, also noch jünger oder gleich alt oder sogar schon älter als das Geburtstagskind.

Hier sieht man, dass die Mathematik einem in allen Lebensbereichen begegnet. Im Kita-Alltag wenden wir die Mathematik täglich an, wie z.B. beim gemeinsamen Aufräumen, Zuordnen und Sortieren, beim Abzählen der Kinder im Morgenkreis oder auch auf Spaziergängen anhand der Beobachtung der Umgebung -  auf Deutsch oder Englisch.

Das Erkennen und Benennen einfacher Formen wie Kreis, Dreieck, Quadrat und Rechteck im Gruppenraum oder auch draußen wird gelehrt und gelernt. Auch das Erkennen und Benennen räumlicher Beziehungen von Gegenständen und Personen z.B. rechts – links, oben – unten, vor – hinter – zwischen ist ein wichtiger Bestandteil.

Die Grundlagen für mathematisches Denken werden in den ersten Lebensjahren entwickelt. Das Kind macht die ersten Erfahrungen mit Zeit und Raum, aber auch mit mathematischen Operationen wie Messen, Schätzen, Ordnen und Vergleichen. Der Bildungsbereich der mathematischen Grunderfahrungen umfasst u.a. Erfahrungen im Umgang mit Gegenständen und Dingen des täglichen Lebens und deren Merkmalen wie Formen, Farben, Größe und Gewicht, die ein Kind begreifen und klassifizieren kann, Erfahrungen mit Zahlen in allen Größenordnungen, Erfahrungen im Umgang mit der Zeit, Geometrische, räumliche Erfahrungen.

Mit den sogenannten „numerischen Stangen“ gewinnen die Kinder die Einsicht, dass jede Zahl durch eine entsprechend lange Stange dargestellt wird. Sie können die Zahlenfolge bilden und dadurch sehen, dass die Eins kleiner ist als die Zehn. Durch die dazugehörigen Ziffern bekommen die Kinder zusätzlich einen visuellen Eindruck  von der einzelnen Zahl.

Neben der Darstellung und Zuordnung benutzen wir die Stangen auch um die Kinder zu messen. Auch Valentino darf sich an diesem Tag neben die Stangen legen um zu zeigen, wie lang er jetzt schon ist. Besonders an den Geburtstagen, die wir nach dem Montessori-Konzept gestalten und feiern, ist dies ein wichtiger Bestandteil um den Kindern sinnlich erfahrbar zu machen, wie klein sie zur Geburt waren und wie groß sie nun an ihrem Geburtstag sind.

Die Aneignung mathematischer Grunderfahrungen erfolgt meist im Spiel und geschieht unbewusst. Im Spiel erkennen die Kinder, dass es verschiedene Formen gibt und lernen diese zu benennen. Auch in Kreisspielen und Abzählreimen wird Mathematik gefordert und gefördert.

Mathematik hilft dem Kind, sich in der Welt zu orientieren, sie zu ordnen und sich dabei auf verlässliche Größen zu beziehen: Zahlen, die Uhr, die sieben Tage der Woche, den Kreis, die Strecke. Je früher den Kindern der Zugang zur Mathematik ermöglicht wird, desto leichter fällt es ihnen, die erworbenen Kompetenzen später praktisch anzuwenden.